Die teuerste Position in Ihrer IT-Kalkulation steht nicht in der Kalkulation. Sie ist der Preis dafür, dass Sie in drei Jahren keine Wahl mehr haben.
In Gesprächen mit CTOs und Geschäftsführern im DACH-Raum höre ich fast wöchentlich dieselbe Geschichte: Die Lizenzkosten waren nie das Problem, bis der Anbieter die Metrik geändert hat, das Angebot zur Verlängerung auf dem Tisch lag und niemand im Raum eine belastbare Antwort auf die Frage hatte, was ein Wechsel eigentlich kosten würde.
Abhängigkeiten vermeiden heißt nicht, auf Anbieterprodukte zu verzichten. Es heißt, nie an den Punkt zu kommen, an dem ein Ausstieg Ihr Geschäft ernsthaft beschädigt. Das ist der ganze Test: Könnten Sie gehen, zu einem Preis, den Sie vorher benennen können und den Ihr Unternehmen übersteht?
Mein Vorwurf richtet sich also nicht gegen das Ziel, sondern dagegen, dass es fast niemand in Zahlen übersetzt. Die deutschsprachige Ratgeberliteratur zu Vendor Lock-in endet bei „meiden Sie proprietäre Software“ und nennt nie einen Betrag. Deshalb glauben Unternehmen, sie hätten die Abhängigkeit vermieden, obwohl sie sie nur nicht benannt haben.
Das Wichtigste in Kürze
- Abhängigkeiten vermeiden heißt nicht, keine Anbieterprodukte einzusetzen. Es heißt, dass ein Ausstieg jederzeit möglich, bezifferbar und überlebbar bleibt.
- Ein Gesamtkostenmodell (Total Cost of Ownership, TCO) mit konstanten Lizenzkosten ist nicht konservativ, sondern falsch. Gartner erwartet für 2026 ein Wachstum der weltweiten Softwareausgaben von 15,5 Prozent, bei IT-Services dagegen nur 5,3 Prozent. Fünf Kostenarten fehlen dabei in fast jeder Kalkulation, von den Kosten für den Datenabzug (Egress) bis zum Parallelbetrieb während der Migration.
- Die Wechselkosten sind eine Funktion Ihrer Architekturdisziplin, nicht der Kulanz des Anbieters. Zwei Unternehmen mit demselben Ausstieg landen bei völlig verschiedenen Zahlen.
- Ab dem 12. Januar 2027 sind Wechselgebühren nach dem EU Data Act vollständig verboten. Jede Verlängerung, die Sie 2026 unterschreiben, sollte das einpreisen.
- Open Source ist keine Abwesenheit von Abhängigkeit. 60 Prozent der Maintainer arbeiten unbezahlt. Sie tauschen eine Rechnung gegen eine Wartungsverpflichtung.
Was Vendor Lock-in wirklich kostet und warum es in keinem Budget steht
Vendor Lock-in kostet Sie vor allem Optionen, und Optionen tauchen in keinem Buchhaltungssystem auf.
Deshalb lesen sich die meisten deutschsprachigen Artikel zu diesem Thema wie Warnungen ohne Zahl: Herstellerabhängigkeit sei riskant, teuer, strategisch bedenklich. Was fehlt, ist der Betrag.
Ich halte diese Unschärfe für den Kern des Problems. Solange die Abhängigkeit keine Zeile im Business Case ist, verteidigt sie niemand im Budgetgespräch, und niemand erklärt sie der Geschäftsführung. Sie wird erst sichtbar, wenn der Anbieter die Preise anpasst oder die Lizenzmetrik ändert.
Der klarste Fall dafür ist Oracle Java. Die Java SE Universal Subscription wird nicht pro Nutzer oder pro Installation berechnet, sondern pro Mitarbeiter, ab 15 US-Dollar im Monat. Auch für Mitarbeiter, die nie Java anfassen.
Gegenüber der alten Metrik bedeutete das in manchen Desktop-Szenarien bis zu sechsfache Kosten. Die Reaktion des Markts ist eindeutig: 81 Prozent der Unternehmen haben Teile ihres Oracle-Java-Bestands migriert, migrieren gerade oder planen es.
Nicht weil die Technologie schlechter wurde, sondern weil ein Vertragsparameter geändert wurde, auf den die Kunden keinen Einfluss hatten.
Fünf Kostenarten fehlen in fast jeder Kalkulation
Wenn ich eine TCO-Rechnung sehe, in der die Lizenzkosten für fünf Jahre flach durchlaufen, schaue ich mir den Rest nicht mehr genau an. Das Modell ist bereits falsch. Diese fünf Positionen gehören in jede Kalkulation, und die letzten drei sehe ich fast nie.
Lizenz-, Wartungs- und Egress-Kosten steigen schneller als Ihr Budget
Die Inflation bei Software as a Service (SaaS) lag im Juni 2026 bei 16,4 Prozent, gemessen an über zwei Millionen Preispunkten aus mehr als 250.000 Verträgen.
Zum Vergleich: Die US-Verbraucherpreisinflation lag im selben Monat bei 4,2 Prozent.
Microsoft hat zum 1. Juli 2026 unter anderem Office 365 E3 von 23 auf 26 US-Dollar angehoben, Microsoft 365 Apps von 12 auf 14 US-Dollar. Rechnen Sie in Ihrem Modell also mit jährlichen Steigerungen.
Workaround-Engineering bindet Ihre besten Leute
Jede Funktion, die die Plattform nicht kann, bauen Ihre Entwickler daneben.
Diese Arbeit erscheint als Personalkosten, nie als Plattformkosten, und sie ist der Posten, der am systematischsten unterschätzt wird. Ich würde sie in jedem Quartalsbericht separat ausweisen.
Verschobene Roadmap-Punkte kosten Sie Umsatz
Was Sie nicht bauen konnten, weil die Plattform es nicht zuließ, steht in keiner Kostenstelle. Es steht in Ihrem verlorenen Deal, in der Funktion, die der Wettbewerber vor Ihnen hatte.
Das ist die teuerste der fünf Positionen und die einzige, die niemand messen will.
Die Vertragsverlängerung ist asymmetrisch, sobald es keine Alternative gibt
Solange Sie keinen glaubwürdigen Plan B haben, verhandeln Sie nicht, Sie akzeptieren.
Wie viel Luft im Listenpreis steckt, zeigt eine einfache Zahl: Unternehmen mit Benchmark-Daten erzielen im Schnitt 33,8 Prozent Nachlass auf den Listenpreis.
Der Listenpreis ist eine Verhandlungsposition, kein Preis.
Den Parallelbetrieb während der Migration zahlen Sie doppelt
Kein Wechsel läuft über Nacht. Sie zahlen alt und neu gleichzeitig, oft über Monate, plus Audit-Risiko im Übergang.
Und Audits sind real: 48 Prozent der Organisationen wurden im letzten Jahr geprüft, 44 Prozent gaben über drei Jahre mehr als eine Million US-Dollar für auditbezogene Kosten aus.
Die Zahl, die mich am meisten überzeugt hat: 14 Prozent wussten nicht, was das Audit sie gekostet hat.
Diese fünf Positionen ergeben keine exakte Zahl, und das ist in Ordnung. Eine begründete Bandbreite im Business Case schlägt eine präzise Null.
Abhängigkeit entsteht fast immer ohne bewusste Entscheidung
Niemand beschließt, sich abhängig zu machen. Die Abhängigkeit wächst in einer Kette kleiner, jeweils vernünftiger Entscheidungen. Erst die proprietäre Programmierschnittstelle, weil sie schneller war.
Dann der gehostete Dienst, weil kein Team dafür da war. Dann das Datenmodell des Anbieters, weil die Migration sonst zwei Wochen länger gedauert hätte.
Der Punkt, an dem es kippt, ist nicht technisch, sondern organisatorisch. Er liegt dort, wo Ihre Geschäftslogik in den Abstraktionen des Anbieters lebt statt in Ihrem eigenen Code. Ab da wird der Wechsel keine Migration mehr, sondern ein Neubau.
Meine Empfehlung ist unspektakulär und wird trotzdem selten umgesetzt: Führen Sie ein Register Ihrer kritischen Abhängigkeiten, mit einer Spalte für die geschätzten Wechselkosten und einem Datum der letzten Aktualisierung. Wer die Zahl nicht schätzen kann, hat sie noch nie gebraucht.
Digitale Souveränität ist eine Kostenfrage, keine politische
Digitale Souveränität wird im deutschen Markt zu oft als geopolitisches Thema verhandelt.
Ich halte das für einen Fehler, weil es die Diskussion aus dem Finanzressort heraus und in eine Grundsatzdebatte hinein verschiebt, wo sie nichts bewirkt.
Die Bitkom-Studie „Digitale Souveränität 2025“ ist deutlich: 89 Prozent der Unternehmen, die digitale Güter und Dienste importieren, halten sich für abhängig, davon 51 Prozent für stark abhängig. Nur 4 Prozent glauben, langfristig ohne Importe auskommen zu können. 57 Prozent kämen maximal ein Jahr ohne US-Technologie aus.
Das ist keine politische Aussage, das ist ein Klumpenrisiko in der Lieferkette. Und es lässt sich rechnen. Schleswig-Holstein hat inzwischen nahezu 80 Prozent der Arbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung auf LibreOffice umgestellt, 44.000 Postfächer sind migriert.
Die Zahlen dahinter sind das eigentliche Argument: mehr als 15 Millionen Euro jährliche Einsparungen bei den Lizenzkosten im Open-Source-Programm, gegenüber 9 Millionen Euro, die das Land 2026 für einmalige Migrationsarbeit und Open-Source-Entwicklung eingeplant hat.
Einmalige Investition gegen wiederkehrende Ersparnis, mit Amortisation innerhalb eines Jahres. Wenn eine Landesverwaltung diese Rechnung öffentlich aufmachen kann, kann Ihr Unternehmen sie intern auch aufmachen.
Was ein Ausstieg tatsächlich kostet, entscheidet Ihre Architektur
Die Wechselkosten hängen weniger vom Anbieter ab als von Ihrer eigenen Disziplin. Zwei Beispiele aus derselben Zeit machen den Unterschied greifbar.
Europäische VMware-Kunden haben der Europäischen Kommission über das European Cloud Competition Observatory Preissteigerungen von 800 bis 1.500 Prozent gemeldet, AT&T sprach von 1.050 Prozent.
Getragen wird das Observatory von Cloud Infrastructure Services Providers in Europe (CISPE). Das sind Kundenangaben gegenüber einer Behörde, keine veröffentlichten Listenpreise.
Ein CISPE-Mitglied, das vollständig migrierte, brauchte laut demselben Bericht mehrere Monate und mobilisierte dafür alle 400 Mitarbeiter. 37signals verließ im gleichen Zeitraum die Public Cloud und berichtet von rund 10 Millionen US-Dollar Ersparnis über fünf Jahre, bei etwa 600.000 US-Dollar Hardwarekosten. Entscheidend ist der Nebensatz: ohne zusätzliches Personal, und das Team wurde nicht kleiner.
Der Unterschied lag nicht in der Kulanz des Anbieters. Er lag darin, wie tief die Abstraktionen des Anbieters in der eigenen Anwendung steckten. Deshalb behandle ich Portabilität als Architekturthema, nicht als Vertragsthema, und dulde in Neuentwicklungen keine Geschäftslogik in anbieterspezifischen Konstrukten.
Ein Hinweis zu Egress: AWS verzichtet seit 2024 auf Datentransfergebühren beim Verlassen der Plattform, aber nur auf Anfrage, nach Prüfung, mit Gutschrift im Nachgang und seit September 2025 mit einem Zeitfenster von 90 Tagen. Ein genehmigungspflichtiges Zugeständnis ist kein Recht. Genau deshalb hat die EU es gesetzlich geregelt.
Ein Standardprodukt zu kaufen ist oft die richtige Entscheidung
Ein proprietäres Produkt zu kaufen ist in vielen Fällen die vernünftigste Entscheidung, die Sie treffen können, und das steht zu nichts im Widerspruch, was bisher hier stand. Ob Sie ein Anbieterprodukt einsetzen, ist nicht die Frage. Ob Sie es wieder verlassen können, ist die Frage.
Wer aus diesem Artikel mitnimmt, dass proprietäre Software grundsätzlich zu meiden ist, hat mich falsch verstanden. Diesen Schluss ziehen vor allem Anbieter, die die Alternative verkaufen. Open Source ist keine Abwesenheit von Abhängigkeit, sondern eine andere Abhängigkeit.
Die Zahlen dazu sind ernüchternd: 60 Prozent der Maintainer arbeiten unbezahlt, 61 Prozent der unbezahlten Maintainer arbeiten allein, und schätzungsweise 10.000 Menschen tragen den Großteil der weltweiten Open-Source-Nutzung. Auf der Betriebsseite sieht es ähnlich aus: 49 Prozent hatten noch Log4j-Schwachstellen in Produktion.
Eine Lizenzrechnung gegen eine unbesetzte Wartungsverpflichtung zu tauschen, ist keine Souveränität. Es ist ein anderes Risiko mit einem schlechteren Ausfallmodus. Wenn ein Standardprodukt Ihr Problem gut löst und Ihre Daten sauber herauskommen, kaufen Sie es.
Wenn eine Plattform 80 Prozent liefert und die restlichen 20 Prozent Ihr Differenzierungsmerkmal sind, bauen Sie um sie herum, so wie wir für Kaptio eine Buchungs-Engine gebaut haben, die Salesforce um Echtzeit-Preisbildung und konfigurierbare Reisepakete erweitert.
Und wenn eine Gebühr pro Arbeitsplatz über Jahre und über eine große Nutzerbasis läuft, prüfen Sie den Eigenbau ernsthaft. Eine wiederkehrende Zahlung pro Kopf verändert die Rechnung von Kaufen gegen Bauen vollständig. Dieser Vergleich gehört in den Business Case, nicht in ein Bauchgefühl.
Was Sie regeln sollten, bevor Sie unterschreiben
Am günstigsten ist Portabilität zu dem Zeitpunkt, an dem noch niemand über sie nachdenkt: bei der Unterschrift. Die Europäische Kommission hat Ihnen dafür die Vorarbeit geliefert.
Im SAP-Verfahren AT.40823 hat die Kommission am 9. Juli 2026 zehnjährige Verpflichtungen mit weltweiter Geltung akzeptiert. Die vier beanstandeten Praktiken sind faktisch ein amtlicher Katalog der Mechanik von Herstellerabhängigkeit. Prüfen Sie Ihre eigenen Verträge dagegen:
- Können Sie Wartung und Support für ungenutzte Lizenzen kündigen, ohne den Rest zu verlieren?
- Fallen bei einer Rückkehr Reinstatement- oder Nachwartungsgebühren an, und sind sie gedeckelt?
- Verlängert sich die Grundlaufzeit automatisch, sobald Sie etwas hinzukaufen?
- Dürfen Sie Wartung für Teile Ihrer Landschaft von einem anderen Anbieter beziehen?
- Gibt es Kündigungsrechte bei Personalabbau ab 10 Prozent, Abspaltungen oder gescheiterter Implementierung?
Dazu kommt der Zeitpunkt. Der EU Data Act gilt seit dem 12. September 2025. Bis zum 12. Januar 2027 sind nur kostendeckende Wechselgebühren erlaubt, danach sind sie verboten.
Anbieter müssen Wechselverfahren, Datenformate und technische Grenzen veröffentlichen. Anbieter von Infrastruktur als Dienstleistung (IaaS) müssen funktionale Äquivalenz ermöglichen und offene Schnittstellen oder strukturierte, maschinenlesbare Formate kostenfrei bereitstellen.
Das ist ein Verhandlungsargument, das im deutschen Markt praktisch niemand nutzt. Jede Verlängerung, die Sie im Herbst 2026 unterschreiben, sollten Sie mit dem Wissen bepreisen, dass Ihr Ausstieg ab Januar 2027 strukturell billiger wird. Wer eine mehrjährige Bindung vor diesem Datum eingeht, sollte dafür einen Nachlass sehen.
Die technische Seite, also Abstraktionsschichten, portable Infrastruktur und offene Dateiformate, habe ich an anderer Stelle ausführlich behandelt. Wenn Sie bereits in einer Abhängigkeit stecken und einen schrittweisen Weg heraus suchen, finden Sie ihn in Vendor Lock-in vermeiden. Hier ging es um den Preis. Dort geht es um den Weg.
Sie planen eine Entscheidung, die Sie fünf Jahre trägt?
Die meisten CTOs, mit denen ich spreche, wissen längst, wo ihre kritischen Abhängigkeiten liegen. Was fehlt, ist die Zahl daneben und eine Antwort auf die einzige Frage, die zählt: Was würde ein Ausstieg kosten, und würde das Geschäft ihn überstehen?
Genau dort arbeiten wir. Wir bauen komplexe Individualsoftware und modernisieren bestehende Systeme, mit Büros in Zagreb und Düsseldorf, seit 2012. Manchmal heißt das, um eine Standardplattform herum zu bauen und ihre Grenzen zu verschieben. Manchmal heißt es, eine Kernfunktion herauszulösen, damit die Abhängigkeit endlich verhandelbar wird.
Für Norfolk Southern hat ein Team von 20 Leuten in sechs Wochen eine Kapazitätsplanung gebaut, die veraltete Planungswerkzeuge ersetzt hat und heute über 400.000 Reservierungen pro Tag verarbeitet.
Unsere Zusammenarbeit mit Kunden dauert im Schnitt 4,5 Jahre. Das ist die ehrlichste Antwort auf die Frage, die bei jedem Eigenbau zuerst kommt: Wer pflegt das, wenn Sie weg sind? Wir sind noch da.