Die meisten CTOs, mit denen ich spreche, wissen ungefähr, wie abhängig ihr Unternehmen von einzelnen Cloud-Anbietern ist.
Genau „ungefähr“ ist das Problem.
Um eine fundierte Einschätzung zu ermöglichen, haben wir diesen Selbsttest entwickelt.
Anhand von fünf zentralen Dimensionen und konkreten Fragen können Sie die digitale Souveränität Ihrer IT-Landschaft systematisch bewerten und potenzielle Abhängigkeiten sichtbar machen.
Ich leite die deutsche Niederlassung von DECODE in Düsseldorf und sehe in Kundenprojekten regelmäßig, wie Architekturentscheidungen von vor fünf Jahren heute zu handfesten strategischen Risiken werden.
Der Test unten ist bewusst technisch und praxisnah aufgebaut, nicht als Compliance-Checkliste, sondern als Werkzeug für Menschen, die Architekturentscheidungen tatsächlich treffen.
Das Wichtigste in Kürze
Digitale Souveränität bedeutet, dass Ihr Unternehmen eigenständig entscheiden kann, welche Technologie es nutzt, wie es Anbieter wechselt und wer Zugriff auf seine Daten hat, statt an einen einzigen Anbieter gebunden zu sein.
Der Selbsttest deckt fünf Dimensionen ab:
Infrastruktur und Compute (wie leicht könnten Sie Ihre Workloads verlagern?)
Daten und Speicher (wissen Sie, wo Ihre Daten liegen?)
Softwaretools und SaaS (wie tief sind US-Anbieter in Ihre Kernprozesse integriert?)
Compliance und Regulatorik (erfüllen Sie Ihre Pflichten nachweislich?)
Technische Handlungsfähigkeit (könnten Sie handeln, wenn sich die Bedingungen ändern?).
Cloud-Nutzung allein ist nicht das Problem: Erst wenn ein Anbieterwechsel praktisch unmöglich wird, weil zu viel proprietäre Technik verbaut ist, wird Abhängigkeit zum strategischen Risiko.
Was digitale Souveränität für Unternehmen konkret bedeutet
Digitale Souveränität bedeutet, dass Ihr Unternehmen selbst entscheiden kann, welche Technologie es nutzt, wie es Anbieter wechselt und wer Zugriff auf seine Daten hat, statt von einem einzigen Anbieter dazu gezwungen zu werden, bei ihm zu bleiben.
Es geht nicht um Technologieverzicht oder darum, sich von US-Anbietern komplett abzukoppeln. Es geht um Wahlfreiheit und Handlungsfähigkeit.
Die Zahlen zeigen, wie eng dieses Thema inzwischen mit dem Tagesgeschäft verknüpft ist. 90 % der deutschen Unternehmen nutzen heute Cloud-Anwendungen, ein Jahr zuvor waren es erst 81 %.
62 % sagen, sie könnten ohne Cloud-Lösungen gar nicht mehr operieren. Souveränität und Cloud-Nutzung schließen sich also nicht aus, aber unkontrollierte Abhängigkeit und Souveränität sehr wohl.
Fünf Dimensionen entscheiden in der Praxis, wie souverän ein Unternehmen wirklich ist:
Infrastruktur und Compute: Wo laufen Ihre Workloads, und wie leicht könnten Sie sie verlagern?
Daten und Speicher: Wissen Sie, wo Ihre Daten liegen, und wer theoretisch Zugriff hat?
Softwaretools und SaaS: Wie tief sind externe US-Anbieter in Ihre Kernprozesse integriert?
Compliance und Regulatorik: Erfüllen Sie Ihre datenschutzrechtlichen Pflichten heute nachweislich?
Technische Handlungsfähigkeit: Könnten Sie handeln, wenn sich die Bedingungen ändern?
Genau diese fünf Dimensionen bildet der Selbsttest weiter unten ab.
Der Selbsttest: Fünf Dimensionen der digitalen Souveränität
Gehen Sie die folgenden fünf Dimensionen durch, am besten gemeinsam mit Ihrem Architektur- oder Infrastrukturteam.
Beantworten Sie jede Frage ehrlich mit Ja oder Nein, nicht wie Sie es sich wünschen, sondern wie es heute tatsächlich ist. Am Ende jeder Dimension finden Sie die Warnsignale, die auf eine hohe Abhängigkeit hindeuten.
Dimension 1: Infrastruktur und Compute
Die Grundlage: Wo laufen Ihre Workloads?
Laufen Ihre Kernworkloads auf einem einzigen Cloud-Anbieter?
Ist dieser Anbieter ein US-Unternehmen, etwa AWS, Azure oder GCP?
Könnten Sie Ihre wichtigsten Services innerhalb von 30 Tagen auf eine andere Infrastruktur migrieren?
Nutzen Sie proprietäre Dienste des Anbieters, die keine Standard-Alternativen haben, zum Beispiel AWS Lambda oder Azure Cognitive Services?
Haben Sie eine getestete Exit-Strategie für Ihre Cloud-Infrastruktur?
Warnsignale: Sie laufen auf einem einzigen US-Anbieter, nutzen viele proprietäre Dienste und haben keine Exit-Strategie getestet.
Dimension 2: Daten und Speicher
Wo liegen Ihre Daten, und wer könnte theoretisch darauf zugreifen?
Wissen Sie, wo jede Ihrer Datenbanken physisch gespeichert ist?
Sind alle Datenbankbetreiber EU-ansässige Unternehmen ohne US-Mutterkonzern?
Sind Ihre Kundendaten verschlüsselt, und halten ausschließlich Sie die Schlüssel?
Haben Sie eine Klassifizierung Ihrer Daten nach Sensibilität und regulatorischer Relevanz?
Könnten Sie alle Ihre Daten innerhalb von 72 Stunden exportieren, falls nötig?
Warnsignale: Sie wissen nicht genau, wo Ihre Daten liegen. Ihre Verschlüsselungsschlüssel verwaltet der Anbieter. Es gibt keinen Daten-Export-Plan.
Dimension 3: Softwaretools und SaaS
Welche externen Tools sind tief in Ihre Prozesse integriert? Erstellen Sie eine Liste aller SaaS-Tools, die Sie täglich nutzen, und bewerten Sie jedes Tool:
Tool
US-Unternehmen?
Kritisch für Kernprozess?
EU-Alternative vorhanden?
Kündigung in 3 Monaten möglich?
z. B. Salesforce
Ja
Ja (Vertrieb)
Teilweise
Nein
z. B. Slack
Ja
Ja (Kommunikation)
Ja (Element)
Ja
z. B. GitHub
Ja
Ja (Code)
Ja (GitLab)
Ja
Warnsignale: Mehr als drei kritische Kernprozesse laufen auf US-SaaS-Tools, für die es keine realistische Alternative gibt.
Dimension 4: Compliance und Regulatorik
Wissen Sie, was Sie schulden, und ob Sie es heute erfüllen?
Haben Sie eine aktuelle Übersicht aller Verarbeitungstätigkeiten gemäß Art. 30 DSGVO?
Haben Sie für alle US-Anbieter geprüft, ob die Datenübermittlung in die USA DSGVO-konform ist?
Sind Ihre NIS-2-Pflichten, falls anwendbar, identifiziert und dokumentiert?
Haben Sie Incident-Response-Pläne für einen unbefugten Datenzugriff?
Können Sie Kunden auf Anfrage nachweisen, dass ihre Daten souverän verarbeitet werden?
Wenn Sie eine dieser Fragen nur mit „unklar“ beantworten können, zählen Sie das wie ein „Nein“.
Warnsignale: Mehrere unklare Antworten sind hier ein direktes Risiko, nicht nur theoretisch, sondern für laufende Kundenverträge und Audits.
Dimension 5: Technische Handlungsfähigkeit
Könnten Sie handeln, wenn sich etwas ändert?
Hat Ihr Engineering-Team Erfahrung mit mehr als einem Cloud-Anbieter?
Setzen Sie offene Standards und portable Technologien ein, etwa Kubernetes, PostgreSQL oder offene APIs?
Sind Ihre Anwendungen containerisiert und damit portabel?
Haben Sie proprietäre Managed Services so eingesetzt, dass Sie sie mit vertretbarem Aufwand ersetzen könnten?
Gibt es in Ihrem Team jemanden, der klar für digitale Souveränität verantwortlich ist?
Warnsignale: Ihr Team kennt nur einen Stack. Alles läuft auf proprietären Managed Services. Es gibt keine klare Verantwortlichkeit.
Zählen Sie jetzt, wie viele der genannten Warnsignale auf Ihr Unternehmen zutreffen, und gehen Sie damit in die Auswertung.
Auswertung: Wie viele Warnsignale zeigt Ihr Unternehmen?
Zählen Sie zusammen, wie viele Warnsignale aus den fünf Dimensionen auf Ihr Unternehmen zutreffen. Entscheidend ist nicht die exakte Zahl, sondern das Muster: welche Dimensionen zeigen die meisten Warnsignale.
0 bis 2 Warnsignale: Sie sind gut aufgestellt
Sie wissen, wo Ihre Daten liegen, haben Alternativen geprüft und könnten im Notfall handeln. Planen Sie regelmäßige Reviews ein, denn die Lage ändert sich.
3 bis 5 Warnsignale: Mittleres Risiko
Einzelne Bereiche sind problematisch, aber es gibt keine systemische Abhängigkeit. Priorisieren Sie die kritischsten Pain Points und entwickeln Sie einen konkreten Migrationsplan für die nächsten zwölf Monate.
6 oder mehr Warnsignale: Hohes Risiko
Ihre Kernprozesse sind tief in US-Infrastruktur verankert, und Sie haben wenig Spielraum. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein klares Signal, dass Sie jetzt mit einer Exit-Strategie beginnen müssen. Nicht nächstes Jahr.
Warum Cloud-Abhängigkeit und Vendor Lock-in zum strategischen Risiko werden
Cloud-Abhängigkeit wird immer dann zum Risiko, wenn Sie keine reale Alternative mehr haben, nicht wenn Sie einen Anbieter nutzen. Der Unterschied zwischen „wir nutzen AWS“ und „wir sind auf AWS angewiesen, weil ein Wechsel Monate dauern und Millionen kosten würde“ entscheidet, ob Sie noch verhandeln können oder nur noch zahlen.
Der europäische Cloud-Markt wuchs 2025 gleichzeitig um rund 24 % auf über 75 Milliarden Euro. Der Markt wächst also stark, aber die Konzentration auf drei Hyperscaler bleibt bestehen.
Geopolitische Risiken und regulatorische Unsicherheit
Die Abhängigkeit von US-Technologie ist in Deutschland 2025 spürbar gestiegen, nicht gesunken.
96 % der deutschen Unternehmen können ohne den Import digitaler Technologien aus dem Ausland nicht mehr operieren, und 89 % davon sehen sich als abhängig, davon 51 % als „stark abhängig“. Dieser Wert lag im Januar 2025 noch bei 41 %.
Gleichzeitig sinkt das Vertrauen: 67 % der Unternehmen beziehen digitale Technologie und Dienste häufig aus den USA, aber nur 38 % vertrauen den USA als Technologiepartner.
Diese Lücke zwischen Nutzung und Vertrauen ist für mich der eigentliche Indikator dafür, dass Souveränität kein theoretisches Thema mehr ist, sondern eine Frage, die sich Vorstände und Aufsichtsräte tatsächlich stellen.
Regulatorisch kommt Bewegung dazu. Der EU Data Act verpflichtet Cloud-Anbieter, Wechselgebühren zwischen Anbietern schrittweise zu senken und sie bis Januar 2027 vollständig abzuschaffen. Wechselrechte sind bereits seit September 2025 durchsetzbar.
Zusätzlich ist Deutschlands NIS2-Umsetzungsgesetz seit Dezember 2025 in Kraft und bringt rund 29.500 Unternehmen unter Aufsicht des BSI, mit Bußgeldern von bis zu 10 Millionen Euro oder 2 % des weltweiten Jahresumsatzes.
Versteckte Kosten durch Anbieterabhängigkeit
Anbieterabhängigkeit kostet meist nicht dort, wo man zuerst hinschaut. Die offensichtlichen Kosten sind Lizenzgebühren und Cloud-Rechnungen.
Die versteckten Kosten entstehen, wenn Sie proprietäre Dienste eines Anbieters so tief in Ihre Architektur einbauen, dass ein Wechsel faktisch einem Neubau gleicht.
Ich habe das in Modernisierungsprojekten oft gesehen: Ein System, das vor Jahren pragmatisch auf einem einzigen Hyperscaler-Dienst aufgebaut wurde, lässt sich zehn Jahre später nicht mehr wirtschaftlich migrieren, obwohl das Geschäftsmodell längst eine andere Infrastruktur bräuchte.
Die Entscheidung von damals wird zur Fessel von heute, und genau das versucht dieser Selbsttest frühzeitig sichtbar zu machen.
Erste Schritte auf dem Weg zu mehr digitaler Souveränität
Der wichtigste erste Schritt ist, die Fragen aus diesem Test nicht nur zu beantworten, sondern die Lücken konkreten Systemen und Verträgen zuzuordnen.
Ein Warnsignal bei Frage 5 bedeutet zum Beispiel eine konkrete Aufgabe: Exit-Klauseln für jeden Hyperscaler-Vertrag dokumentieren, nicht nur „mehr Souveränität“ als vages Ziel formulieren.
Aus unserer Arbeit mit Kunden, die Legacy-Systeme modernisieren oder Cloud-Architekturen neu aufsetzen, haben sich einige Muster als besonders wirksam erwiesen:
Multi-Cloud-Strategie schrittweise einführen: Nicht alle Workloads gleichzeitig verteilen, sondern mit den unkritischsten Systemen anfangen und Erfahrung sammeln.
Proprietäre Abhängigkeiten sichtbar machen: Eine Bestandsaufnahme, welche Systeme auf anbieterspezifischen Diensten statt offenen Standards aufbauen.
Monolithen graduell auflösen: Mit dem Strangler-Fig-Muster lassen sich Altsysteme Stück für Stück ablösen, ohne einen riskanten Komplettumbau in einem Schritt.
Europäische Cloud-Anbieter als Option prüfen: Nicht als vollständigen Ersatz, sondern als Baustein einer Multi-Cloud-Strategie, gerade weil 82 % der Unternehmen sich größere europäische Hyperscaler wünschen.
Diese Schritte lassen sich nicht an einem Wochenende umsetzen, aber sie lassen sich sofort beginnen. Der Unterschied zwischen einem Unternehmen mit wenigen und einem mit vielen Warnsignalen ist am Ende meist keine Frage des Budgets, sondern der Konsequenz, mit der Architekturentscheidungen über Jahre getroffen wurden.
Häufige Fragen zur digitalen Souveränität
Nein. Mittelständische Unternehmen sind oft stärker betroffen, weil sie seltener Verhandlungsmacht gegenüber großen Hyperscalern haben und Architekturentscheidungen häufiger unter Zeitdruck ohne langfristige Prüfung getroffen wurden.
Kurzfristig oft ja, weil Multi-Cloud-Strategien und modulare Architekturen zusätzlichen Aufwand bedeuten. Mittelfristig sinken die Kosten meist, weil Sie Verhandlungsspielraum gegenüber Anbietern zurückgewinnen und versteckte Migrationskosten vermeiden.
Nein. Souveränität bedeutet Wahlfreiheit, nicht Verzicht. Viele Unternehmen mit wenigen Warnsignalen nutzen weiterhin US-Hyperscaler, haben aber bewusst Alternativen und Exit-Strategien vorbereitet.
Bereit für eine unabhängigere Architektur?
Wenn Sie diesen Test gerade durchgegangen sind und bei mehreren Fragen gezögert haben, sind Sie nicht allein. Die meisten Unternehmen, mit denen wir arbeiten, entdecken genau an diesen Stellen Lücken, die über Jahre gewachsen sind und sich nicht über Nacht schließen lassen.
Wir bei DECODE helfen Unternehmen dabei, Architekturen zu bauen, die Wahlfreiheit erhalten, statt sie einzuschränken. Mehr erfahren →
Das reicht von Multi-Cloud-Architekturen, die Vendor Lock-in von Anfang an vermeiden, bis zur schrittweisen Ablösung proprietärer Altsysteme mit dem Strangler-Fig-Muster, ohne dass Sie dafür Ihr laufendes Geschäft riskieren.
Unser Team in Düsseldorf und Zagreb bringt genau die Architektur- und Vertragspraxis mit, die dieser Selbsttest fordert: keine Beratung auf dem Papier, sondern Entwickler, die Code und Migration selbst umsetzen.
Seit über 25 Jahren entwickelt Miki Software, die Unternehmen dabei unterstützt, effizienter zu arbeiten und ihre digitale Transformation erfolgreich umzusetzen.